Mutter Courage op Kölsch

Kölsche Matronen haben immer schwarzes Haar, das sie meist zu einem wirren Knoten zusammenstecken. Ihre dicken Ohrringe verleihen ihnen von fern ein zigeunerhaftes Aussehen. Schaut man ihnen jedoch ins Gesicht, findet man in ihm den Ausdruck der Offenheit eines schlichten Gemüts. Eine seltsame Mischung aus vertrauensvoller Gutmütigkeit und wehrhafter Aggressivität: die Kölsche Matrone ist schließlich die Urmutter der Neumarktsrandalierer, der Trinker und Kleinkriminellen.

So friedfertig und freundlich sie unseren Weg kreuzt, wehe, man reizt sie. Eine Latrinenflut gröbster Schimpfwörter ist das Mindeste, das sich unweigerlich über den Unverschämten ergießen würde, der ihre unbezweifelbare Respektabilität angriffe.

Allein schon ihre Körperfülle macht unsere Mutter Colonia zu einer Achtung heischenden Figur. Blasphemisch erscheinen Degenhardts Worte von den gewaltigen Müttern mit Kübelhintern, Bewahrer der Sitten und Leittier den Kindern … das mag auf die Kleinstadtbewohnerinnen mit ihrer bigott zur Schau gestellten Achtbarkeit zutreffen; die Kölsche Mamm hat das nicht nötig. Ihr kommt es gar nicht in den Sinn, dass irgend jemand ihre soziale Position angreifen könnte. Sie ist die Mamm, Quell des Lebens und der Nahrung für die Ihren, Hort der Ruhe und der Sicherheit, sie ist die, die alles regelt, organisiert und ins Reine bringt, obwohl sie von Bürokratie, Recht und Gesetz nicht die geringste Ahnung hat. So wenig wie von technischen Dingen. Selbstverständlich wird sie sich daran machen, das Loch im Schwimmflügel ihres Nachwuchses zu reparieren, selbstverständlich wird sie, ganz die bewunderte, überlegen-wissende Erwachsene, ihr knatschiges Söhnlein – Leon heißt er, Kevin oder Dominik – auffordern, ganz aufmerksam zuzuschauen, damit er es lernt. Dass das überhaupt nicht klappt, macht ihr ebenso wenig etwas aus wie ihrem Sohn. Marschiert sie eben kurz entschlossen los und guckt sich einen aus, der die Reparatur übernehmen kann. Ob er ihre Bitte erfüllt? Na, hör mal! Der Mann, der es wagen würde, einer Kölschen Matrone eine solche Bitte abzuschlagen, der wäre es ja wohl nicht wert, dass ihr Schatten auf seine Füße fällt!

So bewegt sie sich, nicht unbedingt geschickt und anmutig – doch wer wollte ihr das verübeln – vor unseren Augen. Eine auffällige Erscheinung in auffälligem Gewand, denn ob Sprache, Manieren oder Kleidung, dezentes Auftreten ist ihre Sache nicht. Unangefochten ist ihr Selbstbewusstsein, außerhalb ihrer Vorstellung jeder Anflug von Selbstkritik. Aber nicht Eitelkeit oder Egomanie sind die Wurzeln dieser Persönlichkeit. Die Kölsche Mamm tut ihr Bestes, so, wie sie es eben versteht, und wem das nicht genügt, wer sie gar wegen ihrer Mängel unter Kritik setzen sollte, nun, der ist ein miesepetriger, asozialer Mistkerl, der nicht weniger verdient als einen Kübel ihres ausgesuchten Wortschatzes.

Irgendwann, wenn ihr Tag, den sie mit Schwatzen, Spielen und mit gelegentlichen Anflügen von Geschäftigkeit unterbrochener Geruhsamkeit verbracht hat, sich dem Ende zuneigt, kommt der Papa. „Pass auf, pass auf, jetzt kommt der Papa!“ Sie sorgt dafür, dass man sich an seine Existenz wieder erinnert, dass er erwartet und begrüßt wird bei seiner Heimkehr in die häusliche Gemeinschaft, so, wie das Rudel am heimgekehrten Wolf hochspringt, ihm die Lefzen leckt und um Futter bettelt.

Der Papa. Ein spilleriges, ausgemergeltes Männlein, so ganz Gegensatz zu der in Fülle prunkenden Frau. Aber es gibt keinen Grund zum Spott – und auch keinen zum Abnehmen. Die Kölsche Matrone gehört zu einer anderen Gattung als die bei näherer Betrachtung zweifelhaften Schönheiten aus der Werbung. Sie ist das reguläre Menschenweibchen, und wenn es gesund, vital und voll entwickelt ist, dann sieht es eben so aus. Basta.

Das dünne Männchen, es weiß, was es an ihr hat. Sie ist die Heimat und die Sicherheit, zu der er immer wieder zurückkehren kann. Ihr suure Bunne met Äädäppele dörchenein, Karo einfach, klätsch op dr Teller ist zwar kein kulinarischer Genuss (was würde der ihm auch bedeuten), doch sichere, sättigende Nahrung, denn sie ist nicht nur bereitet, sondern gegönnt. Gespendet mit selbstverständlicher Freigebigkeit, und es ist dabei gänzlich unerheblich, ob er vielleicht sogar der Alleinverdiener ist.

Er weiß, was er an ihr hat. Sie ist das Fundament seines Lebens, ohne das alles zusammenbricht. Ohne sie ist er nichts, verloren in der bösen, feindlichen Welt, die zwischen ihren tief geschlitzten Brüsten zu einem Leberfleck zusammenschrumpft. Dieses Fundament ist tragfähig. Es ist verlässlich. Sie wird für ihn da sein, ihn schützen und versorgen, was immer auch geschieht. Sie wird ihm im Krankenhaus in aller Unschuld all die Genüsse bringen, die der Arzt ihm verboten hat. Sie wird ihn im Knast besuchen und ihm Geld, Zigaretten und vielleicht auch ein Klümpchen Haschisch bringen, sie wird durchsetzen, dass er nicht zu wenig isst, ihn nachts aus der Kneipe heimholen, wenn er morgen arbeiten muss und seinen Chef zur Rücknahme der Kündigung bewegen. Und wenn all das keinen Erfolg haben sollte, nun, dann wird sie wie immer ihr Bestes geben, und damit wird er auch zufrieden sein.

Sie wird immer ihr Bestes geben. Sie ist die Mutter Courage, die nie aufgibt, die immer weiter zieht, auch wenn sie alles verloren hat, auch wenn es keinen Weg mehr gibt. Der Mann arbeitslos, der Sohn in der Langzeittherapie, die Tochter auf dem Strich, doch das Leben geht weiter. Sie rebelliert nicht, tätschelt das Hündchen, stemmt sich in die Siele und zieht den Karren weiter.

Leben und leben lassen. So gerne sie sich auch mit Klatsch und Tratsch ihren Mitmenschen widmet, so vehement sie auch die Ihren gegen jeden tatsächlichen und vermeintlichen Angriff verteidigt, sei er nun berechtigt oder nicht, nie siegt am Ende die Bösartigkeit über ihre naturgegebene Toleranz und Gutmütigkeit.

Man darf sie nur nicht reizen.

 

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