Köln, Südfriedhof

Der Stadtteil Zollstock im Kölner Süden ist zwar recht dicht bevölkert, aber nicht gerade berühmt für Flair. Eigentlich sind sein Charakteristikum die Unmengen an Pizza-Reklame, die man dort in seinem Briefkasten findet. Ein ruhiger, verschlafener Stadtteil unmittelbar an einer von Adenauers Grünschneisen. Viel fiel den Bläck Fööss nicht dazu ein, doch die letzte Strophe ihres Zollstock-Liedes lautet:

Ich ben leider nit he jebore,
ich kumm nur janz selden he hin,
doch eine letzte Wunsch , dä hätt` ich,
deef en Zollstock bejrave ze sin.

Höninger Platz

Höninger Platz

Oh ja. Melaten ist älter, hat richtig Geschichte seit Römers Zeiten, aber der Südfriedhof, der größte in Köln, ist ein Traum. Ich habe heute einen kleinen Spaziergang über den Friedhof gemacht, einen ganz persönlichen. Er beginnt am Höninger Platz, Endstation der Linie 12, Zollstocks Lebensader. “Zollstock Südfriedhof” steht drauf. Und so steht denn auch immer eine Zwölf am Höninger Platz und macht Päuschen. Zugegeben, schön ist anders. Aber so ist das in Köln: da liegen die Perlen mitten in der schnell und lieblos wieder hoch gezogenen, im II. Weltkrieg fast völlig zerstörten Stadt.

Eingang

Südfriedhof, Eingang

Der Südfriedhof ist so eine Perle und gerade jetzt, Anfang Juni. Denn dann blüht nicht nur der Jasmin und die Luft ist von betörendem Duft erfüllt, die Vögel singen, was das Zeug hält, die Eichhörnchen toben zwischen den alten Baumstämmen, also, wenn dieser Park eines nicht ist, dann tot. Ohnehin ist man in Köln nie so tot wie andernorts, weil der Kölner dazu neigt, den Tod schlicht und einfach zu ignorieren. Das sieht man auch am weitläufigen Eingangsbereich mit seinen zahlreichen Bänken. Es sind nicht nur Omas und Opas, die sich bei schönem Wetter dort zu einem gemütlichen Schwätzchen treffen.

Im Zentrum des alten Friedhofsteils, man läuft direkt darauf zu, steht das Hochkreuz. Das gleichzeitig als Grabmal genutzt wird für die, die vielleicht kein Grab haben oder wo es zu weit weg ist. Die stellen ihre Grablichter an den Fuß des Kreuzes. Ganz natürlich steht es da mitten zwischen hohen Bäumen.

Hochkreuz

Natürlich hat auch der Südfriedhof ein paar prächtige alte Grabmäler. Sofern verwaist, kann man sie übernehmen, muss sie dann renovieren und darf natürlich den Namen seiner eigenen Angehörigen anbringen lassen und sie dort begraben. Eines, das so “in Betrieb” ist, ist hier zu sehen.

Grab mit Jesus

Viele Kriegsgräber gibt es auf dem Südfriedhof. Dies ist ein Kriegsgräberfeld noch aus dem I. Weltkrieg.

I WK 2

Man sieht, wie alt und bemoost die Steine sind, teilweise kaum noch lesbar und in wenigen Jahren 100 Jahre alt.

I WK 3

Es empfiehlt sich, mal an solchen Kriegsgräbern lang zu gehen und, sofern noch möglich, die verwitternden Grabsteine zu lesen. Diese Vielzahl an meist jungen Männern, selten mal an die 40 Jahre alt sind sie geworden, mit den kryptischen Abkürzungen, die ihren militärischen Rang und ihre Einheit wieder geben,was Krieg ist, steht hier in Stein gemeißelt. Grau, feldgrau sind die deutschen Steine. Nicht weit davon sind die Steine weiß.  Das sind Gräber britischer Besatzungssoldaten, ihrer Angehörigen und ihres Personals, denn bis 1926 war das Rheinland von den Briten besetzt.

Kindergräber 1

Hier sieht’s ein bisschen unordentlich aus, es wuchern schon mal prächtige Unkrautbüsche und die Gräber liegen alle bisschen kreuz die quer. Nun ja, es ist normal, dass diese Toten nicht so intensiv betrauert werden, hatte man doch kaum Zeit, sich an sie zu gewöhnen. Die ganz Kleinen liegen hier, die, die höchstens zwei Jahre alt geworden sind, manche noch nicht mal einen Tag. Und dazu passt das, auch das Unkraut. So, wie die bunten Windräder und die Teddybären aus Ton.

Kindergräber

Ganz das Gegenteil finden wir hier:

Commonwealth 3

Hier ist eine Staatsgrenze, denn mit dem Eisentor beginnt britisches Staatsgebiet. Dies ist ein Kriegsgräberfriedhof des Commonwealth, vor allem natürlich britische Soldaten liegen hier ordentlich in Reih und Glied unter kurz geschorenem Rasen und weißem Stein aus Großbritannien, überhöht von einem ebenso steinweißen Kreuz, wie überall auf der Welt.

Commonwealth 1Und vor der dichten Hecke, die das britische Staatsgebiet abtrennt, so’n bisschen wie draußen vor der Tür, in üblichem Feldgrau die deutschen Kriegsgräber.

II WK

Abgetrennt und abgeschlossen ist übrigens nur der Soldatenfriedhof. Es gibt auch noch einen anderen, für die während der Besatzungszeit nach dem II. Weltkrieg verstorbenen Briten, natürlich auch zumeist Soldaten. Mit eingemeißelten Truppenemblemen, vielen Blumen und rührenden persönlichen Grabsprüchen. Heldengedenken gut und schön, aber die Besatzungstoten haben gewiss mehr Unterhaltung.

Ordnung herrscht auch hier, bei den Italienern.

Italien 1

Und Fahnen müssen sein. Links die deutsche Flagge, rechts die Europas, und in der Mitte, hinter dem Obelisken, natürlich, die italienische.

Italien 2

Auch dies war einst italienisches Staatsgebiet. Es ist aber längst wieder deutsches. Wie es das geworden ist, weiß kein Mensch. Es ävver ejal, denn Köln ist schließlich die nördlichste Stadt Italiens. Dennoch, ein Stückchen Heimat, weswegen viele Italienier sich um den italienischen Soldatenfriedhof herum ‘ansiedeln’.

Ital Gräber

Denn was in Köln gelebt hat, das liegt hier auch begraben: Italiener, Franzosen, Griechen, Südosteuropäer, und auch für Iraner und sonstige Muslime findet sich ein Plätzchen mit Ausrichtung nach Mekka. Ich finde das auch schöner so, schön durcheinander alle zusammen.

Es gibt auch Grabmäler, da überlegt man erst mal, hm, wat is dat. So wie dieses alte der Familie Olbertz.

Olbertz

Ich bin mir noch nicht sicher, was das sein soll: Mann, Frau mit nackten Titten oder so’ne Art zwittriger Engel?

Zauberhaft diese Erfindung für Menschen ohne grabpflegende Angehörige, die dennoch nicht so ganz anonym bleiben wollen: die Bestattungsgärten. Hier liegen die Urnen in den Beeten und statt eines Grabsteines kann es auch nur den Namen in Gold auf der Mauer geben.

Bestatungsgärten

Auf jeden Fall ist dieser Garten wunderschön, angelegt nach allen gartenbaulichen Künsten. Friedhof? An kaum etwas denkt man weniger und bei den drei fröhlich gestikulierenden Männern, die sich auf einem der geselligen, sonnigen Sitzplätze unterhielten, fehlten eigentlich nur noch die Skatkarten. Aber hier ist das so: da hat man auch nichts dagegen, wenn die Kinder mal zwischen den Gräbern Nachlaufen spielen. Denn so tot sind Tote gar nicht. Jedenfalls nicht in Köln.

Bestattungsgärten 2M

Manche Gräber haben sehr persönliche Geschichten, manche sind berühmt, wie das des Boxers Müllers Aap oder von Ursula Kuhr.

220px-UrsulaKuhrGrabstein_Koeln

Ursula Kuhr hatte sich beim Attentat auf die Schule in Volkhofen dem Täter mit seinem Flammenwerfer entgegen gestellt, um ihre Schulkinder zu schützen, und war  von ihm getötet worden. Eine echte Heldin.

Eine Heldin des Alltags liegt unter einem dieser Steine:

Geli

Geboren als Contergankind sollte sie eigentlich nur 30 werden; sie schaffte die 50. Sie hat sogar geheiratet und bekam eine Tochter; doch ihn Mann war pädophil und hatte wohl nur deswegen geheiratet und ein Kind gezeugt. Ich weiß nicht, wie sie’s raus kriegte, aber als ihr Mann mit dem Kind nach Holland fuhr, um sich dort mit drei Freunden zu treffen,  fuhr sie ihm im Rollstuhl mit der Bahn hinterher. Sie alarmierte die Polizei und er wurde fest genommen. Sie meinte, gerade noch rechtzeitig. Mag sein, denn er wurde nur zu 3 Jahren verurteilt. Sie zog das Kind dann natürlich alleine groß.

Obdachlose 1

Und auch die gehören selbstverständlich dazu: die Kölner Obdachlosen. Die werden normalerweise meist anonym bestattet, das ist schließlich am billigsten. Aber die Kölner Obdachlosen, sofern man irgend wie ihren Namen weiß, die kommen hier hin. Und das ist ihnen durchaus wichtig. Dass ihr Name irgend wo geschrieben bleibt. Also hat man Spenden gesammelt und ihnen hier, mitten auf dem gut bürgerlichen Südfriedhof, eine Flur gekauft.

Und so können auch die Obdachlosen ihre toten Freunde betrauern und ihrer gedenken.

Obdachlosengrab

Ich bin ene kölsche Jung,
ligg op Melaten.
Wennst’e mich besöke wellst,
denk an dr Spaten
Ich ligg su jään bei üch,
en Kölle em Jrav,
un rööf vun unge
Köllen Alaaf!

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