Aschermittwoch

Wir leben so, und ihr lebt anders – und Berlin interessiert nicht, das ist hinter’m Ural.

Zu Grabe getragen haben wir das alte Jahr. In Köln ist Aschermittwoch Neujahr. Es beginnt, wenn man den Platz verlässt, auf dem der Nubbel gebrannt und alles mit genommen hat.

Der Tod? In Köln ist man nicht ganz so tot wie andernorts: “Ich ligg su jän bei üch, in Kölle em Jrav un rööf vun unge Kölle Alaaf” und dem Tünnes sein Gewissen mahnt ihn nicht wegen seiner Leber, sondern will “met suffe”. Und Anna trafen wir gestern auf dem Eierplätzchen, nach dem Südstadtzug. Die Kanüle noch in der Hand. Hat sich auf eigene Verantwortung für paar Stunden aus dem Krankenhaus entlassen; ganz ohne Zug, das geht nicht.

Bei uns sind schon Kinder geboren worden, wo die Eltern vom Ballsaal ins Krankenhaus fuhren und keine Zeit mehr zum Abschminken hatten.
Und wer gestorben ist, nimmt an der nächsten Session als Foto teil. Man darf den Tod nicht zu ernst nehmen.
Ernst nimmt man ihn, wenn einer den Tod eines anderen verschuldet hat. Wie den der beiden Jungs, die beim Einsturz des Stadtarchivs ums Leben kamen. Der 5. Jahrestag fiel 2014 auf den Rosenmontag. Das Loch liegt am Zugweg. Klar, dass man da Station macht.

Rosenmontag 2

 

Aschermittwoch beginnt der Frühling. Es ist ganz egal, ob er längst begonnen hat oder ob der Frost die knospenden Zweige noch gefangen hält.

“Der Riese hat wieder die Erde berührt und es wuchsen ihm neue Kräfte”. Die Stadt. Die Mitbürger. Ihre Herzlichkeit, ihre Freundlichkeit, ihre Großzügigkeit. Was sie zur wunderbarsten Stadt der Welt macht, obgleich man gerade bei den Umzügen wieder einmal fest stellt, wie hässlich sie doch ist. Fast alles war nach dem Krieg kaputt, man überlegte, sie aufzugeben – doch die Bürger kamen zurück, legal, illegal, scheißegal, und es musste gebaut werden. Schnell hoch gezogen, kreuz die quer, und wenn der Rat meckert, dann hängt man sich eben einen neuen Kallendrisser an die Fassade seines neuen Bunkers, diesmal von Mataré, neues Denkmal, kannste gucken, da, wo der alte hing, an dem zerstörten alten Haus, das wieder aufzubauen das Geld fehlt, genau gegenüber dem Fenster des Bürgermeisters. Aasch lecken.

Hässlich. Und dreckig. Und wunderbar.

Neujahr. Man sprüht Funken vor Kraft. Die Füße tun weh. Und der Rücken. Und die Arme und an den Fingern muss man beim Putzen auf die Blasen vom Trommeln aufpassen. Denn die Wohnung ist ein Schlachtfeld. Wie jedes Jahr.
Neujahr beginnt der Frühlingsputz, Dann lohnt er auch.

Karneval ist anstrengend. Die Märsche durch die Stadt. Die durchtanzten Nächte. Die schweren Hüte, Kostüme, Trommeln, die man schleppt.
Das schafft man. Das hält man durch. Und lebt trotzdem, und wie!
Der Kölner ist unverwüstlich; den kriegt man nicht klein.
Er sieht nicht danach aus.
Doch gehört das zu den tiefen Geheimnissen des Uralten.
Denn wir sind uralt. Das wissen wir immer.

Neues Jahr, neues Glück. Wir können das. Uns schafft keiner.

Und jetzt tun wir erst mal bisschen fasten. Bisschen. Nich übertreiben.
Wir lassen mal das Bier weg. Schmeckt sowieso nicht mehr, nach Karneval.
Warum? Weil wir so brav sind?
Nö. Weil wir’s können.

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