Geschichten aus dem anderen Deutschland

Es ärgert mich maßlos, wenn alle Deutschen in einen Topf geworfen und zum notorischen Tätervolk erklärt werden. Und ich denke an 1968. Damals hatten wir im Westen abgeschlossen mit dem Nazi-Regime und mit der Elterngeneration, von denen die meisten irgendwie bräunlich waren. Abgeschlossen mit Willy Brandt, der nie Nazi war, der im Widerstand war, so, wie viele andere, ja, im Grunde sogar Adenauer. Es gab ein anderes Deutschland, hatte es immer gegeben. An das knüpften wir an, das war unseres, unsere Geschichte, unsere Tradition. Und unser Kampf: das freie, freundliche, weltoffene Deutschland, dafür wollten wir kämpfen. Nie wieder hieß, wir wollten unsere Macht als demokratische Bürger hüten und bewahren und uns nie wieder von jenem entstirnigen, provinziellen, größenwahnsinnigen Deutschland mit seinen bösen Märchen beherrschen lassen. Wir hatten die Macht und waren gesonnen, sie niemals wieder aus der Hand zu geben.

1968, das war für mich eine Befreiung. Denn das betretene Schweigen hörte auf, das mich immer dann umgab, wenn man sich die Familiengeschichte erzählte. Zum ersten Mal erlebte ich es in der Grundschule. Es war um den Volkstrauertag. Die Lehrerin erzählte tief betroffen und stockend fast von den Nazi-Gräueln, schaute uns dann ernsthaft an und sagte eindringlich: wir müssten uns klar machen, dass wir alle Schuld sind. Denn all unsere Eltern hätten mitgemacht, das dürften wir nie vergessen.

Nein.
Ich stand auf und sagte: ich nicht. Mein Vater ist nach Peru gegangen und als Krieg und all diese Gräuel passierten, saß er in Texas im Lager. Mein Vater hat nie in seinem Leben ein Gewehr in die Hand genommen, um damit auf Menschen zu schießen.

Es folgte ein Schweigen, das man mit Händen greifen konnte.
Die Lehrerin brach die Gedenkstunde übergangslos ab und begann mit dem normalen Unterricht.
Was war passiert? Ich ahnte den Zusammenhang: wenn alle Schuld sind, ist keiner Schuld, Dann kann man sonntags tief zerknirscht sein und ansonsten ganz normal weiter leben. Als der, der man immer war.
Aber wehe, es sind nicht alle Schuld. Dann muss man nämlich fragen: warum ich und nicht der? Was war anders?

Ich war nicht der einzige in der Klasse, der hier das große sonntägliche Gedenken durch sein pures Dasein störte. Da war noch ein Junge. Ein stiller, etwas dicklicher Außenseiter. Seine Eltern taten etwas Ungeheuerliches: sie zogen mit ihm in die DDR. Sie waren Kommunisten. Verfolgte des Nazi-Regimes, die Familie war teilweise im KZ gewesen, einige dort umgekommen. Er hatte einen ganz kurzen, sehr unpersönlichen Abschied in der Klasse: Kommunist und in die DDR, das war schlimmer als Nazi. Denn das waren ja angeblich alle gewesen.

Er war auf mich zugekommen nach meinem Nein zur Kollektivschuld. Er und seine Familie seien auch nicht schuld. Und ich ging auf ihn zu, als die Lehrerin gesagt hatte, er würde weg ziehen. Wohin zieht ihr denn? In die DDR. Warum nicht? Auch da kann man leben.
Doch als ich es ganz normal den Klassenkameraden erzählte, reagierten sie, als hätte er Lepra.

1968 brach diese Mauer. Die Jungen fragten, forschten, was habt ihr getan, warum, wieso habt ihr euch nicht gewehrt? Und warum haben andere sich gewehrt? Und Willy Brandt wurde Kanzler, obwohl die Rechten und ihr Tageblatt Bildzeitung ihn ob seines Widerstandes konstant Vaterlandsverräter nannten. Durch den Zulauf all dieser Jungen und durch das Brechen des Schweigens bekam das andere Deutschland die Mehrheit. Und in der öffentlichen Diskussion, die anhub, besiegt oder befreit, setzte sich das andere Deutschland durch: wir danken den Alliierten, denn sie haben uns vom Nazi-Regime befreit, unter dem wir sonst hätten leben müssen. Mit Brechts Kinderhymne machten wir uns ans politische Werk:

Anmut sparet nicht noch Mühe
Leidenschaft nicht noch Verstand
Daß ein gutes Deutschland blühe
Wie ein andres gutes Land

Daß die Völker nicht erbleichen
Wie vor einer Räuberin
Sondern ihre Hände reichen
Uns wie andern Völkern hin.

Und nicht über und nicht unter
Andern Völkern wolln wir sein
Von der See bis zu den Alpen
Von der Oder bis zum Rhein.

Und weil wir dies Land verbessern
Lieben und beschirmen wir’s
Und das liebste mag’s uns scheinen
So wie andern Völkern ihrs.

Mein Vater wurde 1908 geboren, in einem kleinen Mecklenburger Bauerndorf. Als jüngster; seine älteste Schwester war schon 22 bei seiner Geburt. Das Dorf war zu klein für die zahlreichen Nachkommen, also ging er, wie üblich und wie schon seine Schwester es zuvor tat, nach Hamburg. Und wurde Seemann. Die christliche Seefahrt. Zivil bis ins Mark. Sie hatte damals ihr eigenes Ethos. Kriegsschiffe, von denen hielt man sich fern. Die gehörten eigentlich gar nicht aufs friedliche Meer. Auf dem Meer kämpfte man mit den Naturgewalten, niemals gegen Menschen. Und Menschen waren alle. Ob schwarz, weiß, gelb oder braun, sie alle gehörten zu derselben Mannschaft, mit der man gemeinsam das Schiff über’s mal friedliche, mal tückische Meer steuerte. Und an den Häfen anlegte. Woermanns Ostafrika-Linie. Die meisten Menschen in den Häfen waren schwarz. Jo. Aber ansonsten auch nicht anders, als man selbst. Andere Kulturen, andere Lebensweise, spannend und interessant – und manchmal lustig. Mit diesen zahllosen Seefahrergeschichten bin ich aufgewachsen.

Und mit Geschichten aus der Studentenzeit. Denn als mein Vater genug Geld gespart hatte, studierte er in Hamburg auf Schiffsingenieur. Eine harte Zeit, denn es war die Weltwirtschaftskrise und niemand, der studierte, wusste, ob er mit seinem Studium jemals würde Geld verdienen können. Egal.

Die Studentenschaft war zweigeteilt: die einen waren Nazis, die anderen dagegen. Wortführer der Gegner waren die Kommunisten und unter ihnen etliche Juden; der Anführer war was ganz ‘Schlimmes’: ein jüdischer Kommunist. Er kam davon, denn er wusste Bescheid und floh noch in der Nacht der Machtergreifung ins Ausland.

Der Krieg war zum großen Teil ein Sängerkrieg. Ähnlich, wie im Film Casablanca beschrieben: die Nazis stimmten ihre Lieder an – und die Gegner hielten dagegen. Exilanten hatten am Film mit gewirkt, die kannten sich aus. Ich lernte jede Menge alte Arbeiterlieder von meinem Vater, die damals die ‘Waffen’ gewesen waren, insbesondere den Roten Wedding. “Drüben stehen die Faschisten – haut sie tot!” – so war es damals umgedichtet worden und oft marschierte ich mit meinem Vater mit hoch gereckter Faust singend um den Esszimmertisch. Doch es blieb nicht immer beim lustigen Sängerkrieg. Strassers Schlägertruppen machten Hamburgs Straßen unsicher. Einmal war er hinein geraten in so eine Schlägerei zwischen Nazis und ihren Gegnern, vor allem Kommunisten, ein schreckliches Erlebnis, denn es gab Schwerverletzte, vielleicht sogar Tote. Wenn sein Urteil jemals unsicher gewesen sein sollte, seit dem Tag stand es fest: so etwas darf es nicht geben, das sind rechtlose Barbaren, die der Staat bekämpfen muss.

Mit vielen anderen glaubte er nach der Machtergreifung nicht, dass diese Barbaren sich lange würden halten können. Doch für die Juden wurde es übel, denn sie sollten ausgestoßen werden. Sah er nicht ein. Was geht ihn das an, wenn die Nazis keine Juden mögen? Wo haben die das Recht, sich in die Freundschaften der Bürger einzumischen? Sein Freundeskreis scherte sich also nicht drum. Juden sollen im Hörsaal getrennt von den anderen sitzen? Nö. Kommt nicht in Frage. Doch zunehmend setzte sich die Staatsmacht durch und die Juden mussten fort. Viele gingen ins Ausland, wobei manche sich nicht trauten, ihre Pässe bei der Behörde abzuholen. Kein Problem, holte sie eben ein anderer ab. Die meisten gingen in die Niederlande; bietet sich an für frisch gebackene Schiffsingenieure. Auch mal einer nach Übersee und einer nach Palästina. Davon erzählte mein Vater und ich glaubte lange Zeit, dass all seine Freunde und Studienkollegen davon gekommen seien. Erst spät, ich war schon erwachsen, fragte ich nach einem Namen: und wo ist der hin? “Der ist nach Berlin zu seinen Eltern gegangen. Das war falsch.” – “Und dann?” – “Weiß nicht. Nach Polen.” Ich begriff. Er wollte es nicht wissen, weil er es wusste. Denn es war nicht irgend ein Jude aus der großen Menge der ermordeten Nazi-Opfer. Es war ein Freund, mit dem man gelebt, gelacht und gespaßt hatte. Sich den nun vom Elend zur Unkenntlichkeit entstellt hinter Stacheldraht vorzustellen oder gar wie Abfall verbrannt, das tut zu weh. Das martert den Kern des Menschlichen. Der Einzelne, mit dem man ein Stück seines Lebens geteilt hat, ist eben etwas ganz anderes, als eine Vielzahl anonymer Opfer, zu denen man keine Beziehung hatte.

Mein Vater fuhr als Schiffsingenieur wieder zur See. Alles war gut und die Nazis weit weg. Doch eine Tropenkrankheit fesselte ihn in Deutschland. In der Rekonvaleszenz stellte sich heraus, er konnte da nicht mehr leben. Die dort inzwischen herrschende Rechtlosigkeit machte ihn halb wahnsinnig, immer wieder geriet er mit ‘gut bürgerlichen’ Nazi-Freunden aneinander, tobte, prügelte sich gar mit einem und seine Schwester erkannte, der muss fort. Sonst landet der noch sonstwo. Über ihre Beziehungen besorgte sie ihm Schiffspassage und Arbeitsplatz in Peru und an einem Morgen im August 1939 lief sein Schiff mit Kurs Lateinamerika aus. Gerade noch rechtzeitig, denn sie wurde auf’s Amt bestellt: mittags hatte die Gestapo an der Tür seiner verlassenen Wohnnung geklingelt.

Es war das Jahr, in dem die Juden zur Auswanderung gedrängt wurden und so waren denn auch die meisten Passagiere jüngere Juden. Solche, die in Lateinamerika einen Arbeitsplatz ergattern konnten oder zumindest eine Bürgschaft, denn einfach so konnte man dort nicht hin. Vorsichtig, denn das musste man sein, fragte der Steward, mit wem mein Vater denn seine Kabine teilen wolle, einem Südamerikaner oder einem jüdischen Kaufmann aus Berlin und ebenso vorsichtig antwortete er, das sei ihm egal, aber ein Europäer sei ihm lieber. Also zog er mit dem Berliner zusammen.

Fast nichts Politisches gibt sein Tagebuch her. Nur ein einziges Mal, als er sich beim Kapitän darüber beschwerte, dass der die Hakenkreuzfahne vor der Küste Lateinamerikas bei einer Schiffsbegegnung aufziehen ließ: das gehöre sich nicht nach Seerecht, da gehöre die deutsche Fahne hin. Tja, meinte der Kapitän, er habe aber strikte Anweisung, die Hakenkreuzfahne aufzuziehen. Könne er nichts machen.

Seinem Kapitän begegnete er wieder. Im Lager Kenedy in Texas. Er war dort Lagersprecher. Sein Schiff war zwei, drei Jahre später in Buenos Aires fest gehalten worden und nach paar Wochen war er samt Mannschaft in die USA verfrachtet worden.

Der erste Landgang in den Niederlanden muss eine Erlösung gewesen sein. Die deutschen Auswanderer – und es war völlig gleichgültig, wer von ihnen Jude war und wer nicht – saßen gemeinsam im Kaffee und streckten die Beine aus. Wieder in der Zivilisation! Sich wieder ganz normal unterhalten können, ohne beständig ängstlich darauf zu achten, wer was ist und wer was sagt! Es ist verständlich, warum das Tagebuch nichts Politisches enthält: sie gaben sich dem normalen Leben hin, alle, wie sie da waren, spielten Shuffleboard, flirteten und schmiedeten Zukunftspläne. Und verabschiedeten sich dann, einer nach dem anderen, nach der Durchfahrt durch den Panama-Kanal, an ihren Zielhäfen.

Peru. Lima. Die Stadt der Rosen. Sie nahm in liebevoll auf und mein Vater erwiederte diese Liebe zeitlebens. Indianertänze kamen zu unserem Familienrepertoire hinzu. Er war glücklich dort, verlobte sich und wollte für immer dort bleiben. Nazideutschland, das war weit weg. Ab und an unterhielt man sich darüber. Als die USA in den Krieg eintraten. Nun würden die Alliierten das Regime wohl bald besiegen und die Nazis vertreiben, diesen Schandfleck. Und – dann solle man Deutschland teilen. Zwischen Nord und Süd. Denn für ihn als Norddeutschen waren die Nazis aus dem Süden gekommen. Also besser weg damit. Der Sieg der Alliierten? Ich habe es nie anders gelernt und begriffen, denn als Befreiung. Und wenn bei gelegentlichen Besuchen der mütterlichen Verwandtschaft in der DDR die Beschwerde kam: “Ja, haben wir denn alleine den Krieg verloren?” konnte ich das nicht nach vollziehen. Wieso verloren? Mensch, stellt euch mal vor, die wären nicht besiegt worden, die gäbe es immer noch! Das wäre doch furchtbar! Doch unter der unfreien sowjetischen Herrschaft wurde das anscheinend nicht so wahr genommen.

Das glückliche Leben in Peru zerbrach. Für die USA waren alle Deutschen Feinde. Auch die in Lateinamerika, obgleich diese Staaten überhaupt nicht im Krieg standen. Die fünfte Kolonne. Es mag sie gegeben haben, aber sie waren eine kleine Minderheit und die Mehrheit hatte keinerlei Kontakt zu ihnen. Die waren froh, den Nazis entkommen zu sein. Doch das interessierte die USA nicht. Die interessierte nur der Pass. Es interessierte sie nicht einmal, ob ein Deutscher Jude war. Und dass sie in unabhängigen Staaten lebten. Lateinamerika war ihr Hinterhof und wessen sie irgend habhaft werden konnten, den schnappten sie, setzten ihn in Sammelunterkünften fest und verfrachteten dann die ganze Gruppe per Schiff in die USA. Von der Westküste ging es dann weiter per Zug ins Deternierungslager. Für Deutsche ohne Familie war das Camp Kenedy, Texas. Warum? Weil sie gefährlich waren? Nein. Sie waren Handelsware. Festgehalten, um sie gegen gefangene und verletzte US-Soldaten auszutauschen. Das Auslaufen eines der ersten mit dieser Handelsware beladenen Schiffe wurde übrigens von amerikanischen Bürgerrechtlern verhindert: zur Handelsware gehörten auch deutsche Juden. Ja, die saßen ebenso als angeblich gefährliche 5. Kolonne der Nazis in Camp Kenedy. Es bedurfte einiger Anstrengungen, die US-Behörden davon zu überzeugen, dass deutsche Juden, auch die aus Lateinamerika, nicht in ein US-Internierungslager und schon gar nicht zum Austausch auf ein Schiff gehörten.

Das Lager (in den USA werden solche Lager übrigens stillschweigend zu den Konzentrationslagern gezählt, stillschweigend, weil peinlich) war eine traumatische Erfahrung für meinen Vater. Ich habe sie hier beschrieben. Wer die persönlichen Geschichten lesen sollte wird feststellen, anderen ging es genau so. Es verwundert nicht, dass etliche ehemalige Insassen oder ihre Nachkommen sich für die in Guantanamo Gefangenen einsetzten; sie wussten ja, wie es ist, wenn man ohne jedes Recht einfach aufgrund seines Passes oder irgend eines Zufalls hinter Wachtürmen und Stacheldraht festgehalten wird. Denn auch in Guantanamo waren die wenigsten Taliban-Kämpfer und vermutlich hielten sich die anderen Gefangenen von ihnen ebenso fern, wie die Häftlinge in Kenedy von den paar Nazis. Schlimm genug, achtlos mit ihnen gemeinsam inhaftiert zu sein.

Sie wollten fast alle repatriiert werden. Raus aus der Gefangenschaft, alles besser als das. Ewig konnte der Krieg ja nicht dauern und irgendwie würde man schon wieder zurück kommen nach Lateinamerika, wohin man derzeit nicht zurück durfte, auch, wenn man dort Frau und Kinder hatte. Mein Vater wurde spät repatriiert, 1944 erst, versehen mit einem Dokument, das ihn mit Berufung auf die Genfer Konvention unter einen gewissen Schutz stellte – und das vor allem verbot, ihn zu militärischen oder paramilitärischen Zwecken einzuziehen. Ein wertvolles Dokument, das er immer bei sich trug. Denn als die Nazis ihn zum Volkssturm einziehen wollten, weigerte er sich mit Berufung darauf. Sie nahmen ihn fest und drohten mit Erschießung, hatten aber genug Befürchtungen, ihn zum Oberkommandierenden außerhalb der Stadt zu fahren – der dann doch entschied, ihn laufen zu lassen. Zu Fuß natürlich. Zurück fahren war er nicht wert.

Repatriierte, denen man nichts kann, setzt man da ein, wo’s gefährlich ist: nach paar Wochen Ausbildung wurde er als Sicherheitsingenieur in die Magdeburger Fettchemie beordert, Aufgabe: dafür zu sorgen, dass den Magedburgern das Werk nicht unter Bombenangriffen um die Ohren flog. Na ja, da lernte er dann nochmal die Nazis kennen, die die Leitung des Werks hatten. Ihre Feigheit. Insbesondere bei den Angriffen im Januar 1945. Sie blieben mit ihren Familien in den Bunkern hocken, zitternd vor Angst und kein Verantwortlicher war dazu zu bewegen, mit hinaus zu gehen, Schäden zu begutachten, zu löschen, Anweisungen zu geben. Er tat’s mit seinen paar Leuten alleine – und schrieb danach seine abgrundtiefe Verachtung in sein Tagebuch. Ebenso ist die Verachtung heraus zu lesen, als französische Truppen unter General Lemaitre Magdeburg besetzten und dieser eine Abordnung der Bürger zu sprechen wünschte. Die, die mit der Verweigerung der Kapitulation  noch eine Woche zuvor einverstanden waren, schoben ihn nun vor: er sei doch polyglott und international erfahren, solle er doch mit dem General reden. General Lemaitre machte ihn für die paar Tage bis zum verabredeten Einmarsch der Russen zum Bürgermeister des Ostbezirks.

Mein Vater hatte sich nie über die Bombenangriffe beschwert, auch nicht, wenn sie zivile Behausungen trafen. Das war eben so im Krieg. Da musste man durch, zusehen zu überleben, denn der Krieg würde bald zuende sein. Und helfen. Nicht den Nazis. Sondern den Bürgern. Engagierte Ingenieure fanden sich zusammen, um trotz Krieg das wichtigste überhaupt zu tun: die beschädigten Wasserleitungen zu reparieren. Denn eine Großstadt ohne Trinkwasser, das war ein Albtraum. Die Nazis? Die kamen da nicht vor. Die hatten was anderes zu tun: volksstürmen. Sie hatten allerdings auch nichts dagegen, es war ihnen egal. In dem Chaos sollten die Ingenieure doch machen, was sie wollten. Kriegstauglich waren die eh nicht.

Es sind keine Helden- und Frontgeschichten, wie bei den anderen, mit denen ich aufgewachsen bin. Es sind Geschichten aus dem anderen Deutschland: vom Überleben, vom Retten, was zu retten ist, von humanen Pflichten, von der Zivilgesellschaft: ihrem Erhalt, ihrem Durchkommen. Die war braun? Na, wohl eher nicht (mehr). Sie waren verwirrt, hatten jeden Überblick verloren, lebten nur noch im Jetzt, in ihrer eigenen, auf wenige Quadratmeter zusammen geschrumpften Welt. Das würde schon wieder werden. Wenn die Nazis erst weg seien. Das Ende. Darauf hoffen sie alle jeden Tag. Und wer nicht darauf hoffte, der war woanders. Auf einem anderen Planeten. Weit weg. Da sollte er auch bleiben. Bloß nicht in die Nähe kommen.

Mein Vater nahm auch die Besatzung durch die Russen als völlig normal hin. Waren schließlich auch normale Menschen, mit denen man zurecht kommen konnte, wenn man sich entsprechend benahm, so, wie es international üblich war. Er war schließlich nie ihr Feind gewesen, warum sollten sie seine sein? Schlechte Menschen gibt’s überall, auch bei den Russen. Aber die meisten sind es eben nicht.

Die Russen taten ihm nichts. Warum auch? So tat ich auch die Kaffeeklatschgeschichten ab, die die Frauen, darunter einige Flüchtlinge, sich erzählten: von dem Russen, dem furchtbaren. Jo. In der Masse? Wenn man sich von vorn herein einigelt vor dem bösen Feind? Kann dann ja auch nix werden mit passablen Kontakten. Oh ja, es waren viele, sehr viele noch bräunlich in meiner Kindheit. Weniger die Rheinländer. Die hatten zu Kriegsende längst die Nase voll gehabt und vor dem Einmarsch ihre weißen Bettlaken aus dem Fenster gehängt, hier und da waren auch schon mal volkssturmwillige Nazis zur Abholung durch die Amerikaner ins dörfliche Spritzenhaus gesperrt worden und meine Chemielehrerin war berühmt und gepriesen, weil sie ihre  zum Volkssturm gezogene Schulklasse schlicht und einfach zusammen mit deren Müttern ernergisch wieder zurück nach Hause geholt hatte: ihr seid wohl bekloppt, der Krieg ist vorbei und ihr wollt die am Ende noch verheizen? Nix da! Allzu viel Rückhalt bei der Bevölkerung hatten die Nazis im katholischen Rheinland noch nie gehabt und mit näher rückendem Kriegsende verschaffte sich der antiautoritäre rheinische Oppositionsgeist wieder Vorrang. Der später auch den leidvoll jammernden und zur Solidarität unter Kriegsverlierern mahnenden Ostflüchtlingen entgegen schlug: “Pimocken!”

Ja, man konnte auch mit den Russen auskommen. Auch dazu gab es noch eine lustige Geschichte im Repertoire. Sie kamen in die Fabrik, in der mein Vater arbeitete, leutselig, und schenkten jedem der zusammen gekommenen Führungskräfte erst mal eine Tasse Wodka ein. Mein Vater nahm an, denn es ist ein alter internationaler Brauch: bietet ein Fremder dir etwas zu essen oder zu trinken an, dann hast du es auch zu nehmen, alles andere ist eine Beleidigung. Eine weitere Tasse wurde ihm freundlich angeboten, und auch mit ihr erwiederte er den Trinkspruch. War bisschen viel auf einmal, er legte sich schlafen.
Als er wieder aufwachte, war die Fabrik leer. Die Russen hatten alle mitgenommen und verschleppt. Die hatten die internationalen Bräuche nicht geachtet.

Der Rest war Wiederaufbau. Nach einem Jahr Hilfe in der Landwirtschaft auf dem von Männern verwaisen elterlichen Hof ging er zurück nach Norddeutschland und musste sich der obligatorischen Entnazifizierung unterziehen. Die muss sehr kurz gewesen sein, denn mein Vater war stinksauer, dass er da überhaupt hin musste. Er muss recht überzeugend gewirkt haben, denn als Lohn gab es eine Anstellung bei den britischen Besatzungsbehörden.

1951 kehrte das normale Leben zurück. Er heiratete und zog ins Rheinland, als Konstrukteur für Zuckerrohrfabriken. Das wächst in Deutschland nicht. Und das war gut so, denn so musste er immer wieder ins Ausland: Indien, Südamerika, Sudan, Senegal … ich bin mit dem Ausland aufgewachsen. Mit seinen Geschichten, seinen Mitbringseln, seinen Besuchern. Mit Mangos, Avocados, Krokodilledertaschen und handgefertigtem Silberschmuck. Mit Flughäfen und damit, wie man die Mitbringsel durch den Zoll schmuggelt. Denn das gehörte dazu. Und mit internationaler Politik, mit Nachrichten. Deutlich erinnere ich mich an die Erschütterung über die Ermordung Patrice Lumumbas. Ich war knapp 9.

Das ist mein Deutschland. Das freie, demokratische, weltoffene, neugierige, freundliche Deutschland. Das Deutschland, das, neutral gegenüber jedermann, schon kurz nach dem Krieg wieder beliebt war. Kunststück, die anderen reisten ja nicht. Das Deutschland, das tüchtig ist und hilfsbereit, das sich auch da in eine Öllache legt, um eine Welle zu reparieren, wo dies eigentlich unter der Würde eines Ingenieurs ist, weil es nötig ist, weil es sonst nicht weiter läuft und die Ernte verdirbt, von der andere leben. Das einem Ausländer auch schon mal vor’s Schienbein treten kann, weil es weiß, die anderen sind nicht so und er beleidigt mit seinem Benehmen seine eigenen Leute. Das weiß, dass es andernorts Gast ist und erst mal zuhören muss, um zu verstehen, warum andere was tun, was der Sinn ist und was ihnen warum was bedeutet.

Dieses Deutschland, das andere, das meines ist, haben wir mit der Befreiung vom Nazi-Regime wieder gewonnen. Es ist ein gutes Land. Dass es so bleibt, werde ich gegen jedermann verteidigen. Auch gegen Linksextremisten und ihre widerliche Perversion, die Antideutschen.

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One thought on “Geschichten aus dem anderen Deutschland

  1. bildkistl says:

    erschütternd! ………aber Danke!

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