Heimweg mit Hund

Wie wundervoll ist es doch, nachts mit seinem Hund aus der Kneipe nach Hause zu radeln! Am Anfang sind die Staßen noch belebt. Südstadt halt. Kneipe folgt auf Kneipe, Bar auf Bar, ein Sternmarsch von Menschen … man findet sie.

Aber allmählich wird es ruhiger.
Wohnviertel. Ab und zu ein Paar, das nach Hause geht, vor irgendeiner Eingangstür mit seinen Schlüsseln beschäftigt ist. Immer ist es der Mann, der aufschließt. Warum eigentlich? Hieß es nicht immer, die Schlüsselgewalt habe die Frau?

Egal. Und schließlich ist niemand mehr zu sehen. Gewerbegebiet. Autohäuser. Kleinere Herstellerfirmen, Spezialisten auf ihrem Gebiet. Havaria. Ein Büroausstatter (wieso hält der sich eigentlich in der tristen Gegend?), ein Sportstudio. Eine riesige Eingangshalle, vollgepackt mit Rattansesseln – und menschenleer.

Alles tot. Kein Mensch da.
Trostlos.

Tapp-tapp, tapp-tapp, der Ton, der mich begleitet, der mich kaum hörbar begleitet hat auf den Straßen, auf denen das Wochenende gefeiert wurde, und der jetzt der einzige Laut in der Stille ist: tapp-tapp, tapp-tapp. Treu und mit selbstverständlicher Beharrlichkeit traben vier Füße neben dem Fahrrad her. Ob man darauf achtet oder nicht, tapp-tapp, tapp-tapp, verlässlich, unbeirrbar, sie begleiten, sie sind da. Ich schaue hinunter, da hebt sich der vertraute Kopf im Trab, kein Grund, das Tempo zu mildern, den Lauf zu stören, und lacht mich an, lacht mit dem Mund, lacht mit den Augen – wie ist es nur möglich, dass man als Mensch mit so einem Tier so gut Freund sein kann! Ein Wunder. Eine überströmende zärtliche Wärme strebt von mir zu ihm – “Na, Herrchen?” Er versteht. Er versteht genau. Und richtet seinen Kopf nach vorne, konzentriert im Trab, fahr, wohin du willst, kümmere dich nicht um mich, ich folge schon. Tapp-tapp, tapp-tapp.

Ein kleines Stück durch den Park.
Stockfinster ist er. Aber der Hund kann von der Leine, sich noch mal gründlich auspinkeln, bevor es zum Schlafen geht. Er läuft vor mir.
Er kennt den Weg. Klein sieht er aus in der Entfernung. Aber er entfernt sich nicht, die Entfernung bleibt immer gleich. Läuft voraus, ein Pionier im Dunkeln, der der Sicherheit einen Weg bahnt.
Hell strahlen die Fahnen an seinen Hinterläufen.

In Horrorfilmen hieß es immer, dass Hunde auch Vampire und böse Geister verjagen. Na klar doch. Denn ein Hund fegt alles hinweg, was finster, geisterhaft und unheimlich sein könnte, das leise Tapp-tapp seiner Füße übertönt jede Schreckensmelodie und baut eine sichere, vertraute, heimelige Straße nach Hause.

Indianer erzählten die Geschichte, dass Manitou die Menschen von den Tieren trennte und eine tiefe, unüberbrückbare Schlucht zwischen ihnen wachsen ließ. Nur eines der Tiere entschloss sich im allerletzten Moment, kurz, bevor die Schlucht vollends unüberwindlich war, mit einem verzweifelten Satz hinüber zu springen: der Hund.

Es liegt schon etwas seltsames in der Beziehung zwischen Mensch und Hund.

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