Eine sichere Sache

Das Konferenzhotel war gut gewählt: das Maritim in der Godesberger Allee. Ein relativ sicherer Ort; von der Straßenbahn aus konnte man wegen des dichten Gebüschs nicht erkennen, wo es sich befinden könne. Folglich fuhr ich eine Station zu weit.

Auf der alten Diplomatenrennbahn B 9 liegen die Straßenbahn-stationen weit auseinander. Und da dies eine sehr ruhige Gegend ist, in der sonntags die Bürgersteige hochgeklappt werden, dauerte es seine Zeit, bis ich einen Passanten fand, den ich nach dem Maritim fragen konnte. Obgleich dieser Passant ein sehr verdächtigtes Subjekt war: kräftiger mediterraner Mann mit dunkler Sonnenbrille. Der wusste, wo das Maritim war, oha!

Das Wetter war sehr schön. Die Sonne schien und mir wurde recht warm, als ich weiter marschierte. Nachdem ich nach nochmaligem Nachfragen zutreffend erriet, dass der Hintereingang zum Hotel wohl zu finden wäre, wenn man um eine Parkanlage herum geht, langte ich endlich, gerade noch pünktlich, an.

Die Sicherheitskontrollen waren unproblematisch: Ausweis, Bändchen, Blick in die Handtasche, fertig.
Erstmal.

Zielsicher steuerte ich im Saal die Getränkestation an. Denn Fußmärsche in der Sonne machen Durst. „Möchten Sie einen Kaffee?“ fragte die dort stationierte Dame freundlich. „Ne, erst mal Wasser.“

„Wasser haben wir leider nicht.“

„Warum das denn?“ Ich schaute auf vier große Glaskrüge voller Milch, die auf dem Tisch prangten und an Thomas Manns Zauberberg erinnerten.

„Aus Sicherheitsgründen.“

Äh – schluck. „Jetzt würde es mich aber wirklich interessieren, was an Wasser sicherheitsgefährdend ist.“

Das wusste die nette Dame auch nicht. Sie wandte sich an einen Herrn aus ihrer Sicherheitsfirma.

Der erklärte, je nu, Wasser an sich sei ja nicht gefährlich, aber die Gläser…

Dat es mr ejal, meinte ich, ich trink Wasser auch aus nem Pappbecher; zur Not nehm’ ich die hohle Hand.

Tja. Die hohle Hand als sicheres Trinkgefäß war nicht eingeplant worden. Also goss ich erst mal zwei Pappbecher Milch in mich hinein und vermied eine Grübelei zu dem Thema, warum Milch in Pappe geht, Wasser aber nicht. Statt dessen überlegte ich kurz, ob ich wg Vorratshaltung mit Pappbecher zur Toilette marschieren sollte, um mich mit dem guten Krahneburger zu versorgen, entschied mich dann aber doch dafür, mir ein paar Broschüren zu holen, die vor dem Eingang zum Konferenzsaal auslagen. Steinbrück und Müntefering waren schon verspätet, musste ja gleich los gehen.

Bei der Rückkehr wieder ein kurzer Blick in die Handtasche.
„Was ist das, bitte? Ein Brötchen?“

„Stück belegtes Baguette.“

„Das dürfen Sie leider nicht mit hinein nehmen.“

„Was, bitte, ist gefährlich an einem Brötchen?“

„Ja, ab einer gewissen Größe dürfen auch Lebensmittel nicht mit hinein genommen werden, wegen der Eier.“

Eier? Offenbar war irgend wann bei irgend einer Veranstaltung ein prominenter Redner mit hart gekochten Eiern beschmissen worden. Obgleich, ein Handy würde wohl ein besseres Wurfgeschoss abgeben, oder ein Schuh … ob man Jesuslatschen wohl auch am Eingang abgeben muss?

„Wollen Sie es hier lassen oder aufessen?“

Hier lassen? Der Tag ist noch lang, das nehm ich mit, im Bauch.

Also stellte ich mich an die Kontrollstation und würgte mir das Brötchen rein. Hunger hatte ich keinen. Der kam auf der Rückfahrt. Denn mein Magen wollte sich partout nicht daran erinnern, dass er seine Notfallration schon Stunden zuvor bekommen hatte.

Eine ältere Dame machte Schwierigkeiten. Große Ratlosigkeit angesichts eines geöffneten Geigenkastens: sie wollte ihre wertvolle Geige nicht an der Garderobe abgeben. Wer um Himmels willen geht mit ner Geige zur Regionalkonferenz der SPD? Nun, eine Musikerin, die kurz vorher ein Konzert gegeben hat.

Aber Geigenkästen sind brandgefährlich. Wissen wir doch, oder hat einer nicht den Film „Manche mögen’s heiß“ gesehen?

Mir fiel ein altes Lied der Kabarettistin Lore Lorenz ein: „Gebt die Waffen den Musikern und Philosophen.“

Wie die Sache ausging, weiß ich nicht, nur nehme ich an, dass der Musikerin im Zweifel ihre Geige wichtiger war als Steinmeier und Münte.

Doch die ließen auf sich warten. Kleine Verspätung von so ‘ner guten Stunde – böse Zungen behaupteten, das läge daran, dass für den Weg von Karlsruhe bis Bonn nur eine halbe Stunde eingeplant gewesen sei; das geht selbst mit Hubschrauber nicht.

Immerhin, nach dieser guten Stunde wurde mitgeteilt, sie seien im Anmarsch und in ca. 10 Minuten da. Wir sollten bis dahin doch noch einen Kaffee trinken.

Gute Idee. Mach ich.

Dummerweise führte diese Ankündigung dazu, dass die Getränkestation in Windeseile abgeräumt war. Wegen der Sicherheit.

Von nun an wurde gedarbt. Fast vier Stunden lang. Aber Parteimitglieder sind als leidensfähige Idealisten bekannt.

Immerhin konnte man statt Magen- bequem Lungenbrötchen verzehren: ein kleines Höfchen draußen war geöffnet und ein
Sicherheitsangestellter extra nur für uns Raucher bereit gestellt. Ein Lichtblick: hatte man auch mit nichts anderem Erbarmen, so hatte man doch wenigstens Erbarmen mit uns Rauchern.

(Weil die bekanntermaßen eher antiautoritär veranlagt sind?)

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Kölner Müllballade

Im Chor zu singen

 

Aaaaaooooouweh – AWB

 

Trän, Trän, Trienecken

Trän, Trän, Trienecken

 

In uns’rer Stadt die Obrigkeit

ist der, der uns vom Müll befreit.

Drum diene dankend deinem Herrn,

denn anderes sieht er nicht gern.

 

Trän, Trän, Trienecken

Trän, Trän, Trienecken

 

Freigebig stellt er Eimer dir,

nicht ein, nicht zwei, nicht drei, nein, vier.

Der fromme Bürger mit Geschmack

baut um sie ‘nen Hochsicherheitstrakt.

Umrankt von Efeu und wildem Wein

die Laube lädt zur Andacht ein.

 

Verflucht die City, denn ich glaube,

da ist kein Platz für so ‘ne Laube.

Noch nicht mal Platz für Eimer vier,

gewöhnlich ist’s der für Papier.

Das kommt nun in den Schnitzelsack,

den nimmt der Chef dann Huckepack,

lädt ihn in seine Limousine,

und fährt damit in’s

Trallalala, trallalala

 

Trän, Trän, Trienecken,

Trän, Trän, Trienecken

 

Gar mühsam ist’s, selbst für den Herrn,

die Eimer in den Parks zu leer’n.

Und darum fasst’ er den Beschluss,

dass Mensch nicht so viel müllen muss.

Die Eimer sind und bleiben klein,

drum pack den Driss in’s Auto rein.

Knochen, Becher, heiße Kohlen,

sonst soll dich der Teufel holen.

Lad alles in die Limousine

und fahr damit dann fort in’s

Trallalala, trallalala

 

Du hast kein Auto, doch ‘nen Hund?

Spazierengehen ist gesund.

Mit allen Sinnen strebe nur

nach seelischem Einklang mit der Natur.

Schau da, die Elster, schlank und fein

schlüpft in den vollen Eimer rein

und bringt ans helle Sonnenlicht,

was drin verborgen vor der Sicht.

Sieh dort die Haufen von den Hunden,

in zarte Säcklein wohl gebunden,

sind kunstvoll zu ‘nem Kreis gelegt –

Preis dem, der solche Talente hegt!

 

Wat soll dat, hier packt euch das Grausen?

BANAUSEN!

 

Trän, Trän, Trienecken,

Trän, Trän, Trienecken

 

Wenn morgens früh die Sonn aufgeht,

der Bürger an der Straße steht.

Mit Jeans und Hemd und Karre für den Sack,

denn heißa, heut’ ist Sperrmülltag.

Lang schon hat man den Tag bestellt,

dafür kostet’s auch kein Geld.

Damit es dabei bleiben mag,

holt man um sechs Uhr früh die Karre für den Sack.

 

– dat mäht natürlich kein Aas –

 

Denn Morgenstund

hat Gold im Mund.

 

Trän, Trän, Trienecken,

Trän, Trän, Trienecken

 

Und frühes Aufstehn ist auch noch gesund.

Doch schleppste dingen Driss des ovends, sechs is dir ze früh,

haste dann am Morje paar Kubikmeter mieh.

Is dat der AWB ze vill, die lööss dat einfach stonn,

kannste ovends met dr Karr widder en dr Keller jonn.

 

Trän, Trän, Trienecken,

Trän, Trän, Trienecken

 

Der Kölner is en dreckelisch Dier.

Die AWB bemüht sich hier

um Sauberkeit den lieben langen Tag,

doch bei denne kölsche Firke dat nix bringen mag.

 

Aaaaooooooouweh -AWB

 

(September 2009)

Tot und begraben

Paar Wochen vorher stand ich mit ihm auf dem Neumarkt. Es war kalt, lausig kalt. Meine Füße? Reden wir nicht davon. Hab’ ich vergessen. Hab’ sie ja nicht mehr gespürt.

Wie er das nur aushielt!
Stundenlang in der Kälte mit der dünnen Jacke vom Jogging – Anzug. Ich hatte sie für ihn ausgesucht. Darum wärmte sie ihn mehr als alles andere. Sie war sein Kuscheltier, seine Schmusedecke. Nie trug er eine andere.

Ich liebte ihn sehr. Zum ersten Mal hatte ich begriffen, daß es ihn wirklich gibt, den Eros des Sokrates, der auf den Menschen zielt, der nicht Kind ist, nicht Partner, nicht Freund, der nichts an sich hat, was irgendwie bewunderungswürdig oder außergewöhnlich ist, von dem man nichts erwartet, noch nicht mal erwünscht, der einfach nur ein Mensch ist, den man in seiner ganzen normalen einfachen Menschlichkeit erkannt hat, klar und rein bis auf den Grund. Da kommt irgendwann so’n langes, schmales Ende in dein Büro, einer aus der langen Reihe, die lachend und schwatzend vor deiner Tür wartet, leicht schwankend, stinkt nach Schnaps, läßt sich nieder, streckt unbekümmert und respektlos die langen Beine unter deinen Tisch, grinst herausfordernd, jederzeit bereit, mögliche Einwände gegen seine Forderung mit rigoroser Frechheit zu parieren, und dann sagst du ein
Wort, ein einziges Wort, ohne geplante Absicht, ohne auf etwas zu zielen, ohne etwas Bestimmtes bewegen zu wollen, einfach nur, weil der lockere Dialog, mit dem du deinen Schreibtisch daran hinderst, zu einer undurchdringlichen Grenze zwischen hüben und drüben zu wachsen, eben nicht abgeschlossen ist, weil da noch etwas zu sagen ist, weil sein letztes Wort falsch ist, weil es kein Argument ist, weil es nur so dahingeplappert ist, und dieses Wort ist kein Wort, ist eine Idee, ein Feuerpfeil, der in Sekundenschnelle ungehindert die einem eisernen Panzer gleichenden Verhüllungen verbrennt – und plötzlich ist es ein ganz anderer Mensch, der vor dir sitzt.
Unglaublich.

Michael hatte seit mehr als fünfzehn Jahren gesoffen. Und dazu Pillen geschluckt, Benzodiazepine, Valium, Rohypnol, in Mengen, die jeden, der sie nicht auf seiner Speisekarte hat, umgehend umbringen würden. Und LSD,
Haschisch, Koks, Speed, ach, alles, was er kriegen konnte. Polytoxikomane eben. Fünfzehn Jahre, das heißt Übernachtungsheime, Bahnhöfe, Huren, Intensivstationen, Platte, Therapieeinrichtungen, Schlägereien, Diebstahl, Raub, Wunden, Krankheiten, Gefängnisse.
Wie war es nur möglich, daß Sucht und Gewalt und Dreck und Abschaum durch all die Jahre diesem empfindlichen, sauberen Wesen nichts, aber auch gar nichts anhaben konnten? Wie kann Meister Ekkehardt’s
Seelenfünklein nur so völlig unberührt bleiben von allem, was das Lebewesen, in dem es verborgen ist, tut? Ich weiß es nicht. Es ist eben ein Wunder. Nicht er war das Wunder, der Mensch ist es.

„Wenn Du Dich endlich entschieden hast, nicht nach Merheim zu fahren, dann kann ich ja nach Hause gehen.“

(Gott verzeih’ mir, er war hochgradig suizidgefährdet, aber – es war verdammt kalt.)

„Nein, warten Sie noch.“

Keine vier Tage hatte er es in der Klinik in Porz ausgehalten. Dann mußte er ‘raus. Panikartig. Nicht möglich, ihn umzustimmen. „Und nun?“ – „Merheim.“

Fast vier Tage hatte er in Porz ausgehalten. Hatte Angst vor fremder Umgebung. Trotzdem hatte er sich dort aufnehmen lassen. Hatte sich gezwungen, auszuhalten. Fast vier Tage lang. “Ich verstehe es, wenn Sie Suchtdruck haben“, hatte die Ärztin gesagt. Suchtdruck? Es war kein Suchtdruck. Es war Angst, panikartige Angst.

Das war vor Stunden. Eine Flasche Bier hatte er seitdem getrunken. Aber zwei Flaschen Korn in den Taschen. Wegen Merheim. Weil sie ihn heute nicht aufnehmen wollten. Morgen früh erst. Warten sollte er. Aber Michael konnte nicht warten. Weil er die Nacht nicht überstehen würde. Weil das Heroin ihn lockte und rief, die Nikki, die Britta, die ganzen Freunde, die keine waren, aber doch gemeinsam in warmen Buden hockten, mit Stoff. Das Heroin, die selbstvergessene Leichtigkeit, die wohlige Bewußtlosigkeit, das Ende, der Tod. Süße, verlockende
Sirenengesänge, ewige Ruhe versprachen sie, und sie würden ihr Versprechen nicht brechen, ganz gewiß würden sie das nicht tun.

Aber irgendwann hatte er doch den Kampf gewonnen, öffnete eine Kornflasche und zwang sich den Inhalt ‘rein. „Fahren wir.“

Vor der Merheimer Unfallklinik brach er zusammen. Die herbeigerufene Schwester versprach ahnungsvoll, ihn sobald als möglich nebenan in die Suchtklinik bringen zu lassen.

Ich verließ eine Schnapsleiche.
Bewußtlos auf dem sachlich-kalt gefliesten Fußboden der Ambulanz liegend, mit entblößtem Glied, in einer Urinlache. Ecce homo.

Er hatte so was schon öfter gemacht. Manche Süchtige machen das eben. Aus irgendeinem Grund müssen sie sofort in die Entgiftung, können sich nicht anmelden, können sich nicht vorstellen, können nicht warten. Da gibt es dann nur einen Weg: Vergiftung. Wer sich so mit Alkohol oder Drogen zuknallt, daß es lebensgefährlich wäre, ihn weiter herumlaufen oder vor der Tür liegen zu lassen, der muß aufgenommen werden, da hat die Klinik gar keine Wahl. Begeistert ist die natürlich nicht davon, kann man sich vorstellen. Ziemlich sauer sogar. Ist im Grunde
reine Erpressung. Da kommt so’n Süchtiger, Asi, zugeknallt, disziplinlos, dreckig, kein Geld, kein Status, kein gar nichts und erpresst ‘ne ganze Klinik mit ihren ganzen wohl situierten Ärzten. Erpresst mit dem einzig wertvollen, was er noch hat: dem eigenen Leben. Und sie dürfen sich nicht wehren und nicht widersetzen.
Ziemliche Provokation, nicht wahr?

Allzu leicht übersieht man in verständlichem Ärger, was da eigentlich passiert.

Die meisten Süchtigen fangen mit vierzehn an. Machen, wenn sie einen Schulabschluß überhaupt schaffen, spätestens bei der Lehre schlapp. Dann geht’s ‘runter: Arbeit weg, Wohnung weg, Besitz weg. ‘Raus aus der Gesellschaft, Randexistenz. Können nicht mitreden, haben von nichts Ahnung, ungebildet, ungehobelt, verantwortungslos. Da liegt es nahe, daß man als Fachhochschulabsolvent oder gar Akademiker irgendwann die Geduld verliert. Was will der Kerl? Der hat sich gefälligst zu fügen, hat mit dem vorlieb zu nehmen, was wir ihm hinwerfen, widrigenfalls …
dann schlägt die Stunde der Pädagogik. Dann entlädt sich das aufgestaute Leck-mich-am- Arsch-Gefühl in erzieherischen Maßnahmen.

Michael war zu oft in Merheim gewesen. Psychiatrie hin, Psychiatrie her, sie hatten die Nase voll von ihm.

Eine Störung braucht einen Namen, sonst nimmt man sie nicht ernst, hält sie für die Folge kindischen
Anspruchsdenkens. Wenn aber eine Krankheit einen Namen hat, dann gibt es meist auch Rezepte, wie man gegen sie vorgehen kann. Und wenn die nicht wirken, dann hat man einen interessanten Sonderfall, mit dem
man sich beschäftigen kann. Aber Michaels Störung hatte keinen Namen. Nicht alles läßt sich durch eine irgendwie bedingte Gemütsverstimmung erklären. Nicht alles läßt sich nach diesem Rezept therapieren. Nicht alles ist Psychologie, ist Gefühl, ist Trieb, ist Unterbewußtsein. Da gibt es noch etwas anderes, etwas
größeres, wichtigeres: die Tatsachen und das sie klar und deutlich sehende Bewußtsein. „In ein, zwei Jahren bin ich genau so ein Penner, wie du sie an den Straßenecken siehst. Dann liege auch ich genau so bärtig, schmutzig und stinkend in der Gosse. Aber dann macht es mir nichts mehr aus.“ Unerbittlich trieb und peitschte die
Sucht ihn in diesen Zustand hinein. Das war die Tatsache, die er vor Augen hatte. Zu schwach, den Ablauf allein aufzuhalten, hatte er schließlich das Letzte an Bereitschaft angeboten, was er noch anbieten konnte: Zwangseinweisung, Entmündigung. Doch einen altbekannten Süchtigen, der immer und immer wieder zurückfällt in
die Sucht, der alle altbewährten Regeln bricht, dessen Wissen um sich selbst will man wohl nicht mehr ernst nehmen, denn wie könnte es mit dem eigenen Fachwissen konkurrieren? ‘Du bist noch nicht weit
genug unten, liegst noch nicht tief genug im Dreck, glaubst immer noch, du könntest dich um die Konsequenzen herum mogeln. Also geh’ deiner Wege, mach’, was du willst und sieh’ zu, wie weit du kommst.’
Aber für Michael gab es keinen Weg mehr. Vor der Kliniktür lauerte der Dämon mit erhobener Kralle, willens und bereit, die reife Frucht seiner jahrelangen Umstrickung zu ernten, seine wehrlose Persönlichkeit, sein schutzloses Ich jetzt endlich herauszureißen und endgültig zu vernichten. Davor gab es nur noch eine einzige Rettung, mit unerbittlicher logischer Konsequenz.

Nach drei Wochen setzte die Klinik ihn wieder auf die Straße.

Er hatte sich verabschieden wollen.
Um zehn Uhr fuhr sein Zug in’s Nirgendwo. Ich hatte um jede Minute gerungen. Jetzt war es nach Mitternacht. Was soll ich dir sagen? Es ist ja alles Unsinn, die Ratschläge, die Empfehlungen, die Maßnahmen, die sie sich ausgedacht haben. Es trifft nicht die Wirklichkeit, deine Wirklichkeit, von der sie alle keine Ahnung haben. Gib’ mir Zeit, ein kleines bißchen Zeit, ich denk’ mir was aus, ich versuche, eine Lösung zu finden, irgendeine, es wird mir
schon gelingen.

Gib mir Zeit. Wir sehen uns. Komm, ich bring dich nach Hause, ins Heim. Damit du nicht abhaust. Zu Biggi. Die Heroin hat.

Auf der kleinen Treppe einer Haustür saß Albert und aß Salat. Nein, er aß nicht. Er fraß. Mit dreckigen, gelbbraunen Fingern griff er in die weiße Plastikschale, holte sich eine ganze Handvoll heraus, Gurken, Tomaten, Thunfisch, ein weißlich tropfendes Gemengsel, stopfte es sich in’s zahnlose Maul, während Salatblätter am Kinn klebten und schmieriges Öl auf Brust und Bauch troff. Mit glasigen, hervortretenden Augen schaute er uns an, gurgelte irgendeine unverständliche und wohl auch unaussprechliche Zote und widmete sich wieder seiner Schale, die längst das Aussehen eines aus dem Müll gefischten Napfes angenommen hatte.

Mit mathematischer Genauigkeit lief Michaels Uhr ab. Ich sah die Uhr, sah den Zeiger, suchte ihn zu bremsen, aber anhalten konnte ich ihn nicht. Andere hätten es gekonnt. Doch die sahen es nicht.

Was soll der vornehme, objektiv zurückhaltende Schmus? Er ist nicht die Wahrheit. Ich habe gesprochen und geschrieben, gebrüllt, geschimpft und getobt – ihr wolltet nicht hören, ihr wolltet nicht sehen, ihr wolltet es besser
wissen, wolltet es unbedingt, ja, um’s Verrecken besser wissen. Ein Menschenleben, das war der Preis eurer dummen Eitelkeit. Ihr seid dafür verantwortlich, ganz egal, aus welcher theoretischen Ecke ihr auch immer eine entschuldigende Erklärung hervorzaubern wollt, denn rechtfertigen kann man alles, das weiß ich besser als ihr. Nein, erzählt mir nichts, dieser letzte, Goldene Schuß war vorhersehbar, war zu verhindern, und ihr habt es nicht getan.

Die Sonne schien. Eigentlich paßte mir das nicht, aber bei solchen Anlässen paßt nie was. Es war frisch, aber längst nicht so kalt, wie damals. Vorfrühling eben.

Die Familie war da. Onkel, Tanten, Cousins. Andere gab’s nicht mehr. Einfache Menschen mit klarem, gesundem Menschenverstand. Warmherzig und aufrichtig. Weit weg vom tosenden Wirbel der Szene, zu weit, als daß sie mehr hätten tun können, als ihre hilfsbereiten Hände an seinem Rand auszustrecken.

„Er war nicht schlecht. Und dumm war auch nicht. Wie es kam? Die Kindheit? Der abscheuliche Vater, mit dem niemand zurecht kam? Alles haben wir getan, alles haben wir versucht, es hat ja nichts geholfen!“ Und jetzt taten sie eben das noch, was zu tun blieb.

„Wenn es nicht verboten wäre, wenn man nicht bestraft würde, sie glauben doch nicht, daß ich mir dann nicht einfach nehmen würde, was mir gefiele?“ – „Würdest du das wirklich tun?“ – „Klar.“ – „Dann würdest du also dem
Eigentümer einfach den Schädel einschlagen?“ – „Wieso das denn?“ – „Nun, er würde dir sein Eigentum natürlich nicht so einfach überlassen, würde es gegen dich verteidigen. Du mußt es ihm mit Gewalt nehmen, anders rückt er’s nicht ‘raus.“ – „Na, dann … ich bin kein Gewaltmensch.“ Nein, das war er nicht. Aber da war sein reiner, menschlicher Willen, und da war der Rausch, der ihn immer wieder zurücktrieb in die lustvolle, verantwortungslose
Gedankenlosigkeit, ihn der spontanen Eingebung folgen ließ, der momentanen Laune. Die Sucht nach Selbstvergessenheit, die uns meist so lange kalt läßt, wie ihr keine Tat folgt.

Es war eine Tat gefolgt. Zwei Jahre hatte er gesessen. Raubüberfall auf eine Tankstelle, begangen mit ein paar Saufkumpanen. Doch die Gewalt, die von ihm ausgegangen war, war, größer und immer größer werdend, zu ihm zurückgekehrt, hatte sich mit noch viel grausamerer Härte gegen ihn selbst gerichtet, denn er hatte sie begriffen, die ganze brutale Bedeutung dessen, was er getan hatte. Schuldig sprach er sich selbst: Versagt, verdorben, verkommen. Überantwortet dem Henker Sucht. Mitleidslos, gnadenlos. Schuldig auch des Schuldspruchs, den er vollstreckte.

„Als Kinder haben wir den Alkohol gehaßt. Oh, wie haben wir ihn gehaßt, ich und meine Schwester. Und dann haben wir beide dran gehangen.“

Ein in bei Trauerfällen angemessenem Dunkelgrün gebeizter Katafalk diente üblicherweise dazu, einen Sarg zu tragen. So ist es normal und in Ordnung. Da steht dann so ein solider Sarg, nach menschlichem Maß gezimmert, in den das Menschenbild, das man noch vor Augen hat, genau hinein paßt. Man legt es hinein, das Bild, und begeht das allseits bekannte Abschiedsritual. Eine Geschichte geht zu Ende. Es fehlt nur noch der Schluß, der letzte Abschnitt. Der soll nun geschrieben werden. Dann, nach dem letzten Wort, geht man auseinander, befriedigt von der erwarteten Vollendung, mit leiser Wehmut das Erlebte überdenkend, aber die Augen doch auf die Gegenwart richtend, zu der diese Geschichte nicht mehr gehört.

Auf dem vorderen Teil des Katafalks stand, klein und irgendwie deplaziert, eine Urne. Nun, tot ist tot. Familiengräber sind nun mal nicht danach ausgerichtet, daß die Kinder den Eltern so schnell folgen. Muß man eben die Urnenbestattung wählen, damit zusammen ruhen kann, was zusammen gehört. „Siehst du, Sophie, jetzt hast du ihn bei dir.“ Wie liebevoll sie selbst mit ihren Toten umgehen, daß es das noch gibt!

Nur, ein Menschenbild paßt nicht in eine Urne. Dahinein paßt nur Asche.

Ein gewissen Hang zu weibischer Romantik ist manchmal gar nicht so schlecht. Dann kann man, angesichts des eisernen Topfes und des runden Loches zwischen zwei Gräbern zum Himmel blicken und leise seufzen: „Ach, Sophie …“
Aber meinesgleichen ist halt mit den Tatsachen verschnürt und sieht nur, daß dieser Topf noch zu imposant ist für die erbärmlichen Reste eines ehemals fast zwei Meter großen Menschen in Jeans und blauer Jacke, mit aschblondem Haar, tabakgelben Fingern und frischer Stichwunde am Hals.

Ein stämmiger Priester kam seinen beruflichen Pflichten nach. „Auch ein Verbrecher ist nicht ohne Hoffnung. Zwei Sekunden der Einsicht, der Reue nutzte der Schächer, und Jesus öffnete ihm das Paradies. Zwei Sekunden nur, unmittelbar vor seinem Tod, und die Sünden eines ganzen Lebens waren ihm vergeben. Michael war ein Verbrecher. Hoffen wir darauf, daß er irgendwann in seinem Leben diese zwei Sekunden Zeit gefunden haben
möge. Amen.“

Möge Gott euch vergeben, wenn er Lust dazu hat. Ich nicht.

(September 2009)